Bewusstsein & Gesundheit: Wieder Fühlen lernen (06.Dezember 2021)

Fühlen lernen

Fühlen hat ganz viel mit dem Element Wasser zu tun, dem weichen Anteil in uns, der alles berührt und genauso berührt sein darf. Wenn wir uns vielleicht nur so ein bisschen berührbar – so weit wir es eben schon können – auf den folgenden Text der Therapeutin Henriette Stärk einlassen, kann er uns einen Eindruck davon vermitteln, wie wir unsere alten Wunden mit dem Herzen fühlend heilen können – um in unsere Kraft und Liebe zu kommen und surfen zu lernen auf den Wellen der Gefühle! Denn Fühlen lernen ist Leben…

Vor 26 Jahren, mein Sohn ist gerade neun Monate alt. Er wacht auf, sein Körper und insbesondere sein Kopf sind sehr heiß. Ich spüre, er hat Fieber. Er weint, stöhnt, wacht schließlich auf und gibt mir durch sein lautes Weinen zu verstehen, dass er mich braucht. Ich setze mich im Bett auf und nehme ihn auf den Arm. Nach einer kleinen Weile atmet er ruhiger. Es scheint ihm gut zu tun, dass ich ihn halte und bei ihm bin. So entscheide ich, seine Temperatur nicht zu messen, denn es sieht so aus, als ob er sich mit dem Fieber in meinen Armen entspannen kann. Ich bleibe einfach da und im Kontakt, renne nicht weg, um das Fieberthermometer zu holen, sondern atme mit ihm, spüre ihn, wie er halb schlafend und halb wach vor sich hinstöhnt. Ich empfinde Freude und Dankbarkeit in meinem Herzen, für ihn da sein zu dürfen. Liebe erfüllt mein ganzes Sein. Er schläft wieder ein. Wenn ich versuche, ihn abzulegen, wacht er auf und weint. So sitze ich die ganze Nacht mit ihm und mache Yoga, indem ich sitzend und bewusst atmend mein Nervensystem runterfahre und entspanne, so, als würde ich schlafen. Ich fühle und genieße einfach die Nähe mit ihm. Am anderen Morgen starte ich ganz glücklich und erfüllt von der Nacht in den Tag. Auch mein Sohn ist wieder gut gelaunt und spielt entspannt vor sich hin. Es liegt ein Zauber in der Luft, während ich Frühstück mache und er seine Welt weiter erkundet…

Fühlen und Fülle

Wenn ich das Wort „Fühlen“ auf meiner Zunge zergehen lasse, kommt mir die Verwandtschaft mit dem Wort, „Fülle“ in den Sinn. Es weist mich weiter zu dem Wort „voll“. Fühlen hat also mit Ganzheit, mit Vollständigkeit zu tun. Zur etymologischen Wurzel des Wortes „fühlen“ schauend, erhalte ich Begriffe wie „tappen“ und „tasten“ oder „betasten“, „erkunden“ und „schmeicheln“. Das sind Worte, die den Bedeutungsstamm des Wortes „fühlen“ erweitern. Fühlen ist also etwas geschmeidig Fließendes, etwas Sanftes, sich Schlängelndes und Anschmiegendes – etwas Erfüllendes. Es ist eine erkundende, erforschende und erkennende Kraft. Man gewinnt dabei eine Information, die der Berührung im Jetzt entfließt, wie meine innere Stimme mir erklärt. Es handelt sich um etwas, das sich bewegt. Ja, Fühlen ist Energie in Bewegung. Ein optimaler Träger von Energie ist Wasser. Es weist schlängelnde und anschmiegsame Bewegungen auf (während es sozusagen fühlt). Wasser umfängt alles, benetzt und umschließt den ganzen Gegenstand, sobald er nass wird. Wasser berührt nicht nur oberflächlich, sondern dringt ein in alle Ritzen und ertastet jede Einbuchtung. Wasser dringt in die Tiefe und durchdringt das zu Berührende. Wasser ist sanft, geschmeidig und in ständiger Kommunikation mit den äußeren bzw. inneren Formen.

Seine Bewegung im Moment ist seine Antwort auf alle berührten Umstände und Begebenheiten. Diese Antwort ist also wach, aufnehmend, geschmeidig schwingend und das haltend, was augenblicklich ist. Die Wellen des Wassers können dabei in ihren Extremen auch stürmisch aufbrausen, in die Tiefe reißen und auf der anderen Seite genauso erstarren und einfrieren. Es besteht die Möglichkeit, im Meer der Emotionen und des Selbstmitleids zu ertrinken und dabei noch andere mit hineinzureißen in dieses verschlingende Gefühlschaos.

Fühlen lernen – das Land der Mitte

Zwischen extremer emotionaler Hitze und starkem emotionalem Einfrieren gibt es auch ein Land der Mitte – ein mittiges Strömen. In dieser Mitte werden wir wieder an Land gespült und „reiten“ auf den Wellen der Emotionen. Der Kampf, die jahrelange Anstrengung, das Weglaufen haben ein Ende, eine neue Haltung hält Einzug: Wir (ver)trauen uns, stehen zu bleiben, verwurzelt in der Präsenz des Augenblicks, und lernen surfen auf den Wellen unserer Seelenbewegungen. Hier ein paar Eindrücke aus meiner ganz persönlichen Erfahrung eines solchen inneren Raumes: „In der Präsenz des Augenblickes finde ich meinen wahren Halt, die Mitte meines Seins – mein göttliches Selbst. Sobald ich bereit bin, dem Unbekannten zu folgen, erlange ich Sicherheit und kann mir erlauben, mich von der Intensität des Emotions-Flusses mitnehmen zu lassen – und der gefühlten Fülle entgegengehen. Die Energie führt mich in ein Land, das noch im Schatten liegt, dunkel, kalt, verleugnet und verdrängt. Nun, da ich dort bin, tauchen die ersten Strahlen aus meinem bewussten Dasein ins Dunkel.

Das Erstarrte beginnt in dieser Berührung durch die wärmenden, fühlenden Strahlen des bewussten Seins zu schmelzen. Das Schmelzen fühlt sich an wie ein Öffnen, es tut weh. Die Lichtstrahlen des Bewusstseins decken auf, bringen ins Bewusstsein, was nicht sein durfte. Erkenntnisse finden zusammen. Lebenskraft kehrt zurück in den einen Fluss. Es stellt sich dar wie ein Heimholen des verloren Geglaubten – Versöhnung mit dem eigenen seelischen Selbst! Die eingefrorene Selbstliebe findet wieder ihren Lauf. Sie erfüllt und nährt mich von innen. Schönheit erfüllt mich, ich spüre die neue alte Ordnung, zu der ich Stück für Stück zurückfinde. Ich beginne, mich selbst wieder zu vereinigen und in mir Brücken zu bauen, wo Dämme mich trennten und schützen sollten. Ich spüre eine neue Freiheit für mein Leben. Freude erfüllt mich. Ich halte den Schlüssel zu einem Leben ohne Angst in meinen Händen.“

Bewusst fühlen lernen

Wasser ist sehr empfänglich für Informationen, es trägt sie weiter und enthält eine Art von Bewusstsein, das das Ertastete übersetzt, leitet und verbreitet. Wasser ist reinigend, nimmt alle Informationen mit sich, die nicht an ihrer richtigen Stelle sind. Es ordnet also die Dinge neu und schiebt sie an ihre stimmig-richtigen Plätze. Diese Äquivalenzen zum Wasser erläutern sehr schön, was ein Fühlen im Gleichgewicht – ein „Mit-dem-Herzen-Fühlen“ – bedeutet. Bilder in Verbindung mit dem Wasser veranschaulichen das Erläuterte: Wenn Wasser einfriert,wenn Seelenbewegung erstarrt, ist kein wirkliches Fühlen möglich. Es ist zu kalt. Wenn wir uns verlieren, uns von uns selbst abwenden und ablenken, die Wärme unseres Herzens vergessen, weil die Angst, in tiefster Gefühlsintensität zu sterben, zu groß wird und wir mit all der Überforderung alleine sind, dann suchen wir Halt, ein Stück Identität in diesem Selbstverlust. Wir wissen aber nicht, wo wir diesen Halt innerlich finden können. Um dieses Nichtwissen zu vermeiden, klammern wir uns im Außen fest, an Menschen, Umständen, Suchtmitteln, Unterhaltungsmitteln, … Wörtern … Gedanken, Emotionen im Innern…..und entziehen uns dabei die Liebe zu uns selbst. Wir trennen uns von einem Teil unserer Lebenskraft, von unserem augenblicklichen Seelenkontakt ab, wir „spalten“, wie man in der Psychologie so schön sagt…

Quelle und weiter: https://www.sein.de/wieder-fuehlen-lernen/

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