Umwelt & Natur: Städtischer Ackerbau – Urban Farming – warum die Welt nach der Pandemie mehr städtische Landwirtschaft braucht (05.Oktober 2020)

Rechnet man die Entfernungen zusammen, die Lebensmittel von ihrem Produktionsort aus zurücklegen, bis sie dann letztendlich im Einkaufswagen landen, kommt man durchschnittlich auf 50.000 Kilometer.  Seit dem Lockdown ist das öffentliche Interesse am heimischen Obst- und Gemüseanbau stark gestiegen. Als der größte Teil der Welt als Reaktion auf die Pandemie in den Stillstand geriet, war die Angst vor Nahrungsmittelknappheit für viele ein unmittelbares Problem. Es kam zu Panikkäufen und die Regale waren leer. Ein Grund war auch, dass die größten Anbauer von Obst und Gemüse die jeweiligen Regierungen alarmierten, dass sie auf billige Erntehelfer aus anderen Ländern angewiesen seien, sonst wäre die Ernährungssicherheit in Europa gefährdet. Die Furcht vor Nahrungsmittelknappheit  hat viele motiviert, selbst Gemüse anzubauen. Denn gerade in Krisenzeiten boomen Gemüsegärten und so boomte auch der Verkauf von Saatgut. Die Saat der Begeisterung für einheimische Lebensmittel mag gesät worden sein, aber dies aufrechtzuerhalten ist unerlässlich. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass Gemeinschaftsgärten und Kleingärten als Hotspots für die Bestäubung von Insekten dienen, da sie in der Regel eine Vielzahl von Obst- und einheimischen Pflanzen enthalten.

Städtischer Ackerbau – Urban Farming – warum die Welt nach der Pandemie mehr städtische Landwirtschaft braucht

Fruchtbare Ackerflächen und Wasser sind rare und begehrte Ressourcen, die weltweit immer knapper werden. Regionale Produkte kaufen, weniger Müll produzieren – das Umdenken hat bei vielen bereits begonnen. Die Supermärkte sind voll mit Lebensmitteln, aber es handelt sich hauptsächlich um Importe aus anderen Ländern, und es gibt nicht viele Sorten. Missbildungen, Krankheiten und Viehsterben, das ist der tatsächliche Preis von Glyphosat & GVO! Die Probleme der modernen Landwirtschaft sind nicht von der Hand zu weisen.

Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass bei  richtiger Planung und Umsetzung  Kleingärten und Gemeinschaftsgärten der biologischen Vielfalt wirklich zugute kommen. Unfruchtbare Räume sollten nicht nur in grüne und produktive Parzellen umgewandelt werden, es ist auch wichtig, dass zwischen diesen Umgebungen Verbindungen bestehen, damit sich die Wildtiere zwischen ihnen bewegen können.

Landwirtschaft, Ernährung und Getränke Zukunft der Ernährungsumwelt und der Sicherheit natürlicher Ressourcen Städte und Urbanisierung
Gemeinschaftsgärten und Kleingärten dienen als Hotspots für die Bestäubung von Insekten.
Bild: Natur

Wir haben für Sie einen Beitrag von Dan Evans, Leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter in Physischer Geographie, Universität Lancaster und Jess Davies,  Lehrstuhl für Nachhaltigkeit, Universität Lancaster, übersetzt, warum der Anbau von Lebensmitteln nach COVID-19 in unseren Gärten, Städten und Gemeinden zu einem festen Bestandteil werden sollte.

Seit dem Lockdown ist das öffentliche Interesse am heimischen Obst- und Gemüseanbau stark gestiegen. Saatgut wird verkauft wie noch nie und die Wartelisten für Anbaubereiche und Schrebergärten explodieren wobei eine Gemeinde einen 300%igen Anstieg der Anträge verzeichnen konnte. Die Furcht vor Nahrungsmittelknappheit wird einige dazu motiviert haben, aber andere, die zu Hause mehr Zeit zur Verfügung haben, könnten versuchen, Stress durch eine gesunde Familienaktivität abzubauen.

Die Saat der Begeisterung für selbst angebaute Lebensmittel mag gesät worden sein, aber es ist wichtig, diese Begeisterung aufrechtzuerhalten. Der städtische Ackerbau hat nach der Pandemie viel zu bieten. Er könnte den Gemeinden helfen, die Widerstandsfähigkeit ihrer frischen Obst- und Gemüselieferungen zu erhöhen, die Gesundheit der Bewohner zu verbessern und ihnen zu einem nachhaltigeren Lebensstil verhelfen.

Hier sind vier Gründe, warum der Anbau von Nahrungsmitteln nach COVID-19 zu einem festen Bestandteil unserer Gärten, Städte und Gemeinden werden sollte.

  1. Grünere Städte wachsen lassen

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in städtischen Gebieten, und es wird erwartet, dass dieser Anteil bis 2050 auf 68% ansteigen wird. Im Vereinigten Königreich ist dieser Anteil sogar noch höher – es wird erwartet, dass bis zu diesem Zeitpunkt neun von zehn Menschen in Städten leben werden.

Der Anbau von Lebensmitteln und sein Verwachsen mit dem städtischen Leben könnte die Pflanzen- und die Tierwelt den Stadtbewohnern näher bringen. Der COVID-19-Lockdown hat dazu beigetragen, das Interesse am Anbau zu Hause wieder zu wecken, aber jeder achte britische Haushalt hat keinen Zugang zu einem Garten. Glücklicherweise gehen die Möglichkeiten der städtischen Landwirtschaft darüber hinaus: Dächer, Mauern – und sogar unterirdische Räume wie verlassene Tunnel oder Luftschutzkeller bieten eine Reihe von Möglichkeiten, die Nahrungsmittelproduktion in den Städten auszuweiten und gleichzeitig die städtische Umwelt kreativ umzugestalten.

Essbare Dächer, Mauern und Randstreifen können ferner dazu beitragen, das Hochwasserrisiko zu verringern, Gebäude und Straßen natürlich zu kühlen und die Luftverschmutzung zu reduzieren.

Paris beherbergt die größte städtische Dachfarm Europas. EPA-EFE/Mohammed Badra

Dazu auch: Landwirtschaft geht auch anders! Der größte städtische Bauernhof Europas wurde auf einem Dach in Paris eröffnet – European largest urban farm has opened on a rooftop in Paris

  1. Widerstandsfähige Lebensmittel

Die Diversifizierung, wo und wie wir unsere Lebensmittel anbauen, trägt dazu bei, das Risiko einer Unterbrechung der Nahrungsmittelversorgung zu verbreiten.

Die Abhängigkeit Großbritanniens von Importen hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Derzeit werden 84% des Obstes und 46% des Gemüses, die im Vereinigten Königreich konsumiert werden, importiert. Brexit und COVID-19 könnten die stetige Versorgung gefährden, während die durch den Klimawandel verursachten Probleme, wie z.B. Wasserknappheit, Gefahr laufen, die Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Ausland zu stören.

Der Anbau von Obst und Gemüse in den Städten würde helfen, diesen Schocks zu widerstehen. Der während der Pandemie aufgetretene Arbeitskräftemangel bei der Ernte wäre vielleicht nicht so stark empfunden worden, wenn die städtischen Bauernhöfe Nahrungsmittel dort anbauen würden, wo die Menschen leben.

Vertikale und unterirdische Kulturen sind widerstandsfähiger gegen extreme Witterungsbedingungen oder Schädlinge, die Wachstumsbedingungen in Innenräumen sind leichter zu kontrollieren als auf dem Feld, und Temperatur und Feuchtigkeit sind unterirdisch stabiler. Die hohen Anlaufkosten und Energierechnungen für diese Art der Landwirtschaft haben dazu geführt, dass Indoor-Betriebe derzeit nur eine kleine Anzahl hochwertiger Feldfrüchte, wie z. B. Blattgrün und Kräuter, produzieren. Doch mit dem Reifeprozess der Technologie wird die Vielfalt der in Innenräumen angebauten Produkte zunehmen.

Siehe auch: Moderne Sklaven als Erntehelfer in Europa – „Wir erleben eine zweite Hölle auf Erden, die wir uns nie vorgestellt haben.“ – Slave labour on farms in Europe – ‘We are living a second hell on earth we never imagined’

  1. Gesünder leben

Der Ausflug in die Natur und die Gartenarbeit können Ihre geistige Gesundheit und körperliche Fitness verbessern. Unsere Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Teilnahme am städtischen Nahrungsmittelanbau oder der Kontakt mit diesem im täglichen Leben auch zu einer gesünderen Ernährung führen kann.

Städtische Landwirte können aus einer ganzen Reihe von Gründen dazu gebracht werden, sich für gesündere Lebensmittel zu entscheiden. Sie haben besseren Zugang zu frischem Obst und Gemüse, und der Aufenthalt im Freien und in der Natur kann dazu beitragen, Stress abzubauen, sodass die Menschen weniger geneigt sind, sich ungesund zu ernähren. Unsere Studie legt nahe, dass der städtische Nahrungsmittelanbau auch dazu beitragen kann, die Einstellung zu Lebensmitteln zu ändern, sodass die Menschen mehr Wert auf Produkte legen, die nachhaltig, gesund und ethisch vertretbar sind.

  1. Gesündere Ökosysteme

Während die Verstädterung als eine der größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt angesehen wird, hat sich gezeigt, dass der Anbau von Nahrungsmitteln in den Städten den Reichtum und die Vielfalt der Wildtiere fördert und ihre Lebensräume schützt.

Eine kürzlich durchgeführte Studie hat ergeben, dass Gemeinschaftsgärten und Kleingärten sich als Hotspots für bestäubende Insekten entpuppen, da sie in der Regel ein vielfältiges Spektrum an fruchtenden und einheimischen Pflanzen enthalten.

Gemüse, wie diese Zucchini, kann Blumen hervorbringen, an denen sich die Bestäuber erfreuen können.

Wenn Kleingärten und Gemeinschaftsgärten richtig konzipiert und umgesetzt werden, können sie der biologischen Vielfalt wirklich zugute kommen. Nicht nur unfruchtbare Flächen sollten in grüne und produktive Parzellen umgewandelt werden, sondern wichtig ist auch, dass es Verbindungen zwischen diesen Umgebungen gibt, damit sich die Wildtiere zwischen ihnen bewegen können.

Kanäle und Fahrradwege können als diese Wildtierkorridore fungieren. Wenn wir damit beginnen, die für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzten Flächen zu diversifizieren, insbesondere diejenigen auf unseren Dächern und unterirdisch, wird eine spannende Herausforderung darin bestehen, neue Wege zu finden, sie für die Tierwelt zu verbinden. Es hat sich gezeigt, dass Grünbrücken den Wildtieren helfen, verkehrsreiche Straßen zu überqueren – vielleicht könnten ähnliche Übergänge Dachgärten miteinander verbinden…

Quelle und weiter: https://netzfrauen.org/2020/09/26/urban-farming/

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