Spiritualität & Erwachen: Ich liebe, was ich sehe (von Mariananda Schmejkal) – 30.Oktober 2019

Ob ihr Blick in den Spiegel ein Gesicht von 18 oder 78 Jahren zeigt – für die Berliner spirituelle Lehrerin Mariananda ist das letztlich kein Unterschied, denn in ihre Wahrnehmung mischt sich kein beurteilendes Denken mehr. Reflexionen über ein Leben ohne Widerstand und bewertenden Vergleich.

von Mariananda Schmejkal

Es ist Mitte September, Herbst des Jahres 2019. Seit ein paar Tagen schreibe ich: Alter 78. In zwei Jahren werde ich 80. Herbst des Lebens – Lebens-Abend, so sagt man. Sterben – Alter – Tod. Dazu soll ich schreiben. Bittet mich Jörg. „Spirituell“ möge die Sichtweise sein. Ich kann nur eine Sichtweise. Es gibt nicht meine zwei Sichtweisen. Spirituell oder nicht spirituell. Was soll das heißen: „spirituell“? Für mich gibt es nur zwei Herangehensweisen: wahr oder nicht wahr. Nicht-wahr heißt von Begehren, von Wünschen, von Haben-Wollen motiviert. Von einem bedürftigen „Ich“ her bestimmt. Wahr heißt: sich einfach entspannt ohne Erwartungen vom Leben selbst leiten und führen lassen. Hier stellt sich schon wieder die Frage: Wer oder was ist das, das sagt „ich“?

Das ist jetzt nicht rein rhetorisch gefragt und soll auch nicht scheinbar „spirituell“ beantwortet werden, denn oft erscheinen mir die Antworten mancher Lehrer und Schüler darauf wie auswendig gelernt und mehr oder weniger runtergeleiert. Vielmehr: Ich „weiß“ es wirklich nicht. Es erscheint nur eine Gewissheit, die allem Lebendigen zugrunde liegt. Auch meinem eigenen Sein. Das erlebe ich, das weiß ich, das fühle ich. Alles, was sich mir immer wieder eröffnet hat und jedes Mal wieder neu eröffnet, wenn sich diese Frage stellt: Das einzige „Ich-Bin“, das ich wahrnehme, ist immer nur ein „Kein“, ein „Nicht“, nur ein „neti-neti“, nicht dieses, nicht jenes. Es ist nicht greifbar, es ist nicht benennbar, es hat keinen Anfang und es hat kein Ende. Es hat keine greifbare, dauernde Form. Außer – ich gucke in einen Spiegel. Dann sehe ich seit 78 Jahren immer wieder etwas anderes, mal etwas Junges, Glattes, mal etwas Freches, mal etwas Wütendes, oft etwas Lachendes, auch schon mal etwas Weggedröhntes, mal etwas Athletisches, Sportliches, mal etwas Blasses, Dürres, in letzter Zeit etwas Rundes, Faltiges. Aber das Erstaunliche ist: Ich habe noch nie etwas Verschiedenes durch dieses Hingucken erlebt.

Wahrnehmung ohne Vergleich

Ich erfuhr „mich“ mit sechs Jahren nicht anders als heute, auch nicht mit 20 oder mit 50. Das, was ich als „ich“ erlebe, ist alterslos, angstfrei, lebendig, unsterblich. Warum ich das weiß? Keine Ahnung. So zeigt es sich mir. Wenn ich mir dazu nichts aus-denke, nichts vor-stelle, dann ist es immer da. Nach dem Hören-Sagen lebe ich den Lebens- Abend, den „Herbst des Lebens“. Danach soll der Winter kommen, der Winter, in dem alles Wachsende, Blühende, Gedeihende zu einem Stillstand kommt. Ich bin gerade 78 Jahre alt geworden. Wenn ich in einen Spiegel gucke, sehe ich „etwas“. Eine Frau, ja – weil lange Haare, weil weiße Haare, mehr aber nicht – ist das deshalb alt? Alt entsteht in der Wahrnehmung aber nur im Vergleich zu jung. Solange ich nicht werte, ist das einfach nur eine Feststellung, ein Faktum. Und solange ich dabei nichts fühle. Denn was ist Fühlen denn? Fühlen ist eine Bewertung. Mag ich – oder mag ich nicht. Doch ich liebe das, was ich da sehe. Das ist etwas anderes. Ob ich es mag oder nicht mag, stellt sich mir nicht als Frage. Ich kann das, was ich da sehe, weder bewerten noch vergleichen. Weil ich auch nichts darüber denke. Was ist Denken denn? Denken ist eine Beurteilung. Alt oder jung. Das einzige, was auftaucht, immer wieder zu meinem eigenen Erstaunen: Ich liebe, was ich da sehe. Früher bewertete, beurteilte und verglich ich alles und nahm dann entweder Dinge an (wenn ich sie mochte) oder lehnte sie ab (wenn sie mir nicht gefielen). Wenn ich etwas auf diese Weise mochte – so dachte ich damals –, dann sei das Liebe.

Ohne Vergleich gäbe es weder Alter noch Tod

Heute liebe ich einfach, was ich sehe. Manches gefällt mir, manches nicht. Und das verändert sich andauernd. Aber die Veränderung hat nichts mit der Liebe zu tun. Denn für mich ist Liebe nicht mehr an irgendwelche Bedingungen oder Vorstellungen geknüpft. Liebe ist das, was sich von selbst in einem völlig wertfreien Raum einfach zeigt oder besser noch: offenbart. Sie wird offenbar – von selbst. Vor mir sehe ich etwas in einem Spiegel. Wenn ich das „nur“ sehe, einfach nur wahrnehme, nichts dazu aus-denke, gibt es noch nicht einmal: Ich mag das – oder: Ich mag das nicht. Wenn ich keine Vergleichsbilder hätte… gäbe es weder Alter noch Tod. Um diese beiden zu erleben, muss ich in einen Spiegel schauen, vergleichen, bewerten. Ich sehe nur weiße Haare, mit einem anderen Gesicht als vor 20, vor 40, vor 70 Jahren. Alt? Nein, nur anders. Anders als was? Anders als gestern und sicherlich anders als morgen. Empfinde ich „Alter“? Nein – ich empfinde „nur“ lebendig, wach, anwesend, neugierig, interessiert, wert-freier als jemals zuvor. Heute noch annehmender als gestern. Heute engagierter als gestern. Heute gelassener als gestern. Heute liebender als gestern. Interessierter, frecher, lauter, mutiger, berührter, verstehender, staunender, ärgerlicher, belustigter: bewusster, bewusster, bewusster. Das ist aber eher eine Feststellung im Nachhinein. Während des Geschehens findet kein Vergleichen mehr statt.

Wahr und integer leben

Ich habe keine Angst zu sterben. Diese Angst habe ich mit 15 oder 16 für mich erledigt – und nicht nur im Kopf, sondern auf einer tieferen Ebene. Die eine Möglichkeit nach dem Tod: Es geht weiter, dann ist es gut, möglichst wenig „Mist“ zu machen, damit ich nicht zur Kasse gebeten werde (schlechtes Karma, siedende Hölle usw.), wobei sich das, was ich mit 15 noch als „Mist“, „Schuld“ oder „schlecht“ bezeichnete, mittlerweile gehörig zu meinen Gunsten geändert hat! Zum Beispiel kannte ich, als ich jung war, nicht den Unterschied zwischen masochistischem Erdulden und der bedingungslosen Hingabe an das, was ist. Heute weiß ich sehr genau, dass ein definitives, lautes „Nein“ oftmals der beste Ausdruck von bedingungsloser Liebe ist. Besser als ein klagloses, leidendes Ertragen von Unverschämtheiten. Die andere Möglichkeit nach dem Tod: Es ist genauso einfach „aus“, wie es vor meiner Geburt auch war. Nämlich nichts…einfach nur nichts. Dann habe ich sowieso überhaupt keine Angst. Was soll schon passieren. Vielleicht bleibt ein individuelles Bewusstsein erhalten, vielleicht aber auch nicht. Beides ist in Ordnung für mich.

Ich bin auf beides bestens vorbereitet, indem ich so „wahr“, so integer, so bewusst lebe, wie es mir möglich ist. Und außerdem kann es ja auch noch ganz anders kommen. Und das ist nur spannend. Ich werde es erleben. Unbedingt. Und ganz bestimmt….

Quelle und weiter: https://www.sein.de/ich-liebe-was-ich-sehe/

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6 Antworten zu Spiritualität & Erwachen: Ich liebe, was ich sehe (von Mariananda Schmejkal) – 30.Oktober 2019

  1. Dakma schreibt:

    „Liebe ist das, was sich von selbst in einem völlig wertfreien Raum einfach zeigt oder besser noch: offenbart. Sie wird offenbar – von selbst“

    lach…. LIEBE IST….das ,was GESCHIEHT

    während du noch wertest…..und suchst……

    IST LIEBE

    LÄNGST

    IMMER

    DA

    😀 ❤

    • Dakma schreibt:

      und weiter zitiert:
      „Heute liebe ich einfach, was ich sehe. Manches gefällt mir, manches nicht. Und das verändert sich andauernd. Aber die Veränderung hat nichts mit der Liebe zu tun. Denn für mich ist Liebe nicht mehr an irgendwelche Bedingungen oder Vorstellungen geknüpft. „

    • Dakma schreibt:

      UND:

      „Heute weiß ich sehr genau, dass ein definitives, lautes „Nein“ oftmals der beste Ausdruck von bedingungsloser Liebe ist. Besser als ein klagloses, leidendes Ertragen von Unverschämtheiten. „

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