Bewusstsein & Gesundheit: Sucht, Sehnsucht, Suche (04.Oktober 2019)

Wir alle haben mit der Geburt oder im Laufe der Kindheit unsere innere Heimat der Liebe und Einheit verloren – der eine mehr, der andere weniger, je nach Lebensumgebung und Intensität der Erfahrungen. Dieser Verlust geht mit einem unglaublichen Schmerz einher und treibt uns auf unserer Lebensreise in die verschiedensten Zustände von Bedürftigkeit, Sehnsüchten und Suchen. Doch in einer verstandesbeherrschten Welt mit all ihrem Wahnsinn hat uns das Leben auch mit einem Rückfahrtticket ausgestattet, das jeder von uns in die Wiege gelegt bekommen hat: unserer Fähigkeit zu fühlen.

von Jörg Engelsing

Kennen Sie jemanden, der so richtig rundherum zufrieden ist mit seinem Leben, in dem nichts mehr fehlt? Ich nicht. Jeder Zustand der Zufriedenheit und des Glücks vergeht irgendwann wieder und der ruhelose Verstand sucht sich ein neues Ziel, das er verfolgen kann und das nun aber endlich das ultimative Glück bringen soll. Wir alle sind letztlich Suchende – nach der perfekten Beziehung, nach Erfüllung im Beruf, nach finanzieller Unabhängigkeit, Freiheit, Sicherheit, Sex, Zuwendung, Nähe und und und…

Nur: Warum suchen wir eigentlich? Suchen heißt, dass uns etwas fehlt. In der Sehnsucht, im Sehnen, steckt auch der Schmerz, der damit einhergeht: Ich sehne mich nach etwas, weil ich es nicht habe – und das tut weh. In der Suche wie in der Sehnsucht verbirgt sich also eine Bedürftigkeit, ein schmerzhaftes Haben-Wollen, denn ich will ja unbedingt das Ziel meiner Sehnsucht erreichen. Extrem zeigt sich das in der Sucht, in der es für den Süchtigen keinen Spielraum mehr gibt: Ich brauche etwas so sehr, dass ich bereit bin, Gesundheit, finanzielle Sicherheit, Beziehungen und sogar das eigene Leben dafür einzusetzen – und auch, wenn ich all das verlieren sollte, kann ich nicht anders, als alles zu riskieren und dem Ziel meiner Sucht hinterherzuhecheln.

Verlustschmerz

Wir können jetzt für all das verschiedene Erklärungen finden: Unsere Vorfahren, die uns bestimmte Verhaltensweisen durch die Gene mitgegeben haben (eigene Prädisposition, wenn der Vater beispielsweise auch Alkoholiker war), gesellschaftliche Prägungen (Zigarettenrauchen war lange Zeit cool und rauchende, selbstbewusste und glückliche Menschen blickten von jeder Plakatwand – so wollten wir auch sein) oder Mangel-Konditionierungen aus der Kindheit (zu wenig Liebe von den Eltern als Kind bekommen und entsprechender Nachholbedarf, der sich dann auf bestimmte Ziele und Ersatzbefriedigungen fokussiert).

All das ist nicht falsch, doch es greift zu kurz, denn all das sind nur Projektionsflächen einer grundsätzlichen menschlichen Problematik: Wir fühlen uns als Einzelwesen, die von anderen Menschen, ja, vom Leben an sich getrennt sind. Es gibt mich und die anderen. Ich und Du. Und wenn die anderen – und das damit einhergehende angenehme Gefühl von Verbindung, Geborgenheit und Freude – für mich nicht verfügbar sind, dann kann ich das vielleicht eine Weile aushalten, aber irgendwann fühle ich mich sehr, sehr einsam. Und einsam sein ist genau das, was ich nun überhaupt nicht will. Und darum mache ich alles, aber absolut alles, um die Einsamkeit zu vermeiden.

Heraus kommt dabei unsere Welt der Zerstreuungen und Unterhaltungsangebote – alles Ablenkungen vom Fühlen des jetzigen Momentes, der in seiner Tiefe dieses schmerzliche Gefühl der Getrenntheit und Einsamkeit ausstrahlt. Denn Einsamkeit, wenn wir es schaffen, uns ihr wirklich hinzugeben – und das finde ich äußerst schwer – ist ein tiefer, uns fast zerfetzender und überwältigender Schmerz. Es ist der Schmerz des Verlustes von Verbindung, ja, von der Einheit mit allem, von unserem inneren „Zuhause“, das wir eben ganz konkret als Geborgenheit, Getragensein, Freude und Liebe wahrnehmen. Einheit und damit die gerade aufgezählten angenehmen Lebensformen sind dagegen Zustände, in denen es nichts mehr braucht. Und in denen dadurch alles Suchen ein Ende hat. Einsamkeit ist in meinen Worten das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. (An dem Wort Gott hängt bei mir keine negative Konditionierung aus der Kindheit. Es ist einfach griffig, daher benutze ich es gerne.)

Die verlorene Einheit wiederfinden

Das Problem dabei: Trennung und Einsamkeit sind nun einmal die Grundausstattung des menschlichen Spiels. Wir alle waren im Erleben mal eins mit allem und sind aus diesem Zustand entweder durch eine einmalige brutale Traumatisierung oder Stück für Stück langsam und schleichend herausgefallen. (Natürlich gibt es da unzählige Mischformen.) Und diesen Schmerz, dessen Wiederfühlen eine enorme Überforderung darstellt und daher nur peu à peu geschehen kann, scheuen wir alle wie der Teufel das Weihwasser. Einige wenige Menschen haben das Glück, dass sich die natürliche Einheitswahrnehmung, die ja nur überlagert ist, ohne große Anstrengung und plötzlich bei einem Satsang oder Ähnlichem wieder einstellt. Für die meisten ist der Weg zurück eine lange, mühevolle und oft qualvolle Suche, denn da wir den Schmerz ja nicht wieder erleben wollen, hat unser System jede Menge Widerstände und Blockaden dagegen installiert. Und an jedem Schmerz hängt auch ein Stückchen Angst vor dem Wiedererleben – ein weiteres Hemmnis, denn wer steht schon auf Angst.

Das Zentrum unseres Abwehrsystems, das uns daran hindert, die verlorene Einheit wiederzufinden, ist der Verstand. Viele sehen in ihm etwas, das es zu bekämpfen und auszulöschen gilt, aber ich versuche, in allem das Gute und die Richtigkeit zu sehen, denn irgendwann einmal habe ich begriffen, dass letztendlich alles hier aus Liebe besteht – und aus der Liebe heraus kann nichts grundsätzlich Falsches entstehen. Philosophien, die dunkle Mächte und etwas grundlegend Böses als real ansehen, sind aus meinem Blickwinkel Versuche, die eigene verdrängte Angst nach außen zu projizieren und ihr ein Gesicht zu geben. Daran ist auch nichts falsch, denn auch dann muss sich das Ego irgendwann mit dieser Angst auseinandersetzen und sie konfrontieren. Doch für mich ist es ein Ausweichmechanismus, der Menschen davor schützt zu erkennen, dass das sogenannte Böse nur eigene verdrängte Aspekte ihrer selbst sind, die sie noch nicht fähig sind zu fühlen.

Abtrennung als Überlebenshilfe

Aus meinem Verständnis heraus sind wir einfach irgendwann aus dieser Einheitswahrnehmung herausgefallen, was immensen Schmerz und unglaubliche Ängste zur Folge hatte. Ich bin während einer Meditation mal an diesen Punkt gekommen – und zwar nur an den Rand davon, mehr wäre nicht aushaltbar für mich gewesen. Wenn wir uns mal vorstellen, dass es uns unglaublich gut geht, wir total glücklich sind und in Liebe – alles ist warm, entspannt und schön –, und von einem Augenblick auf den anderen werden wir in einen Raum geworfen von totaler Kälte, Dunkelheit, Orientierungslosigkeit, völligem Alleinsein – abgeschnitten von jeglichen Kontakt zu dem, was vorher unser Leben ausgemacht hat. Es ist ein Gefühl von unfassbarer Überforderung.

Alle Koordinaten, die vorher unser Leben bestimmt haben, sind auf einmal ausgelöscht. Das sind nur magere Worte dafür, was ein Kleinkind in diesem Moment erlebt. Es weiß nicht, was passiert ist, es hat keine Ahnung, warum es passiert ist, und es weiß schon gar nicht, wie es in den vorherigen Zustand – seine natürliche Heimat, die wir ja alle suchen – zurückfinden soll. Da ist nur unfassbare Panik, die jede Zelle zu zerfetzen scheint, und Schmerz, der mit Worten nicht zu beschreiben ist. (In diesem Moment konnte ich jeden Ausweichmechanismus, jeden Menschen, egal, wie brutal er handelt, verstehen. Alles ist nur ein völlig unbewusstes Weglaufen vor diesem Horror, den wir verdrängt haben und noch in uns tragen.)

Damit das kleine Wesen überleben kann, benötigt es eine Abtrennung von diesem Wahnsinn und ein zumindest minimales Gehaltenwerden in dem Raum, in dem es sich jetzt befindet. Sonst stirbt es. Da kein anderer „hier“ geschrien hat, als es darum ging, für das kleine Wesen das Weiterleben zu ermöglichen, hat sich eben der Verstand erbarmt, der für diesen Job überhaupt nicht „konzipiert“ worden ist (das alles sind nur meine bildhaften Beschreibungen, mit denen ich versuche, die Erfahrung eines gerade erfolgten Abtrennungs- Zustandes zu beschreiben – aber es ist natürlich nicht die Wahrheit an sich). Ich erinnere mich, dass in meinen Meditationen jahrelang immer irgendwelche undefinierbaren Laute und Wortfetzen auftauchten, die mich stundenlang begleiteten und entsprechend auch nervten. Bis ich nach vielen Jahren erkannte, dass sie so etwas wie Haltegriffe waren, die der Verstand während eines brutalen sexuellen Missbrauchs installiert hatte, um sich festzuhalten und einigermaßen zu zentrieren, um nicht in alle Richtungen zu zersplittern, sodass nur noch Wahnsinn übrig geblieben wäre. Wie die erste Abtrennung von der Einheit im Mutterleib war (ich bin bei meiner Geburt gestorben und wiederbelebt worden), mag ich mir gar nicht vorstellen.

Überforderter Verstand

Der Verstand muss uns nun also – mehr schlecht als recht – mit seinen beschränkten Möglichkeiten durchs Leben lotsen. Wie macht er das? So gut es eben geht, aber niemals ausreichend, um uns zu einem wirklich glücklichen Leben zu verhelfen. Denn er ist im Grunde ein Buchhaltungsprogramm, das nun den Auftrag hat, als Geschäftsführer zu fungieren. Das kann nicht gut gehen, denn er muss sich mit extrem starken Energien auseinandersetzen, die er versucht unter Kontrolle zu halten. Diese Energien sind die Gefühle. Vor allem Gefühle wie Angst, Schmerz, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ohnmacht – letztendlich setzen sich nach meiner Erfahrung all diese schwer zu ertragenden Gefühle (es gibt da Intensitäten von schwach bis Atombombenexplosion) aus Angst und Schmerz zusammen.

Das wichtigste Werkzeug des Verstandes, damit der Mensch nicht von den eben erwähnten Gefühlen überflutet und damit unfähig wird, sein Leben auf die Reihe zu bekommen, ist die ständige Produktion von Gedanken. Die unzähligen Gedanken, die wir während eines Tages denken, sind einfach ein Schutzschirm, den der Verstand eingesetzt hat, um uns vor der unglaublichen Intensität unserer diversen Angst- und Schmerzgefühle abzutrennen. Das ist die Abtrennung, die wir als Menschen wieder auflösen müssen, um zu dem ursprünglichen Einheitsgefühl zurückzukommen. Denn aus der Einheit rausgefallen sind wir ja nicht wirklich – das geht gar nicht –, wir sind nur immer noch Teil eines Notprogramms aus unserer Kindheit, das uns helfen soll zu überleben…

Quelle und weiter: https://www.sein.de/sucht-sehnsucht-suche/

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