Bewusst-Sein & Gesundheit: Tiger-Wut (von Mari Stephani)

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Bild: art9858-fotolia.com

Zu den Regungen in uns, die viele Menschen als asozial oder unspirituell ablehnen, gehört auch die Wut. Doch die Furcht davor resultiert nur aus einem Kontrollzwang, der Angst davor, von dieser meist ungeliebten, aber sehr lebendigen Energie quasi überrollt zu werden. Doch wenn wir Wut einfach als grundlegende Lebensenergie verstehen, die nur durch eine unterdrückende Erziehung pervertiert wurde, haben wir bereits den ersten Schritt getan, um uns den Geschenken zu öffnen, die sie für uns bereithält.

Wut – eine der großen ungeliebten, bekämpften, verdrängten, verteufelten und tabuisierten Regungen in unserem Leben und ebenso, das müssen wir zugeben, eine große Bewegerin von Lebendigkeit in unseren Körpern. Wir fürchten die Zerstörungskraft und Gewalt, die wir der Wut zuschreiben. Eine Gewalt, die ebenso zerstörend nach außen wie auch verheerend nach innen wirken kann. Während die einen darum ringen, ihre Wut nicht mehr an Unschuldigen auszulassen, kämpfen die anderen um das Gegenteil: Wut nicht länger in sich hineinzufressen und gegen sich selbst zu richten oder „endlich mal an die eigene Wut ranzukommen“. Daher ist unsere verständliche Reaktion auf Wut meist polarisierend und aufgeheizt oder taub. Wir mögen versuchen, unsere Wut zu verdrängen, zu tabuisieren oder ihr in reinweiße spirituelle Welten oder ins Erwachen zu entkommen – eine wirklich nachhaltige Lösung finden wir in diesen Manövern nicht.

Ich möchte hier einen anderen Umgang mit Wut vorschlagen, einen geradlinigen und körperlichen, der die immense gestaute Energie unserer Wut als pure Lebensenergie wieder fruchtbar in unser Leben integrieren kann. Dazu müssen wir besser verstehen, was Wut eigentlich ist, woher sie kommt und was sie auslöst.

Am Boden, sozusagen als Basis von Wut, wie wir sie erleben, finden wir die Aggression. „Wut“ wird sie erst, wenn wir diese Aggression nicht oder nur verzögert und verschoben zulassen. Die Qualität von Aggression ist zum einen die unserem Dasein innewohnende Kraft zur Selbstbehauptung, zum aktiven Agieren in der Welt, und zum anderen die unwillkürliche Verteidigungs- Reaktion in unserem autonomen Nervensystem, wenn unser Organismus bedroht wird und darauf mit Kampf reagiert, um die Bedrohung abzuwehren und zu überleben. Beides beginnt und wurzelt in unserem Stammhirn, Sitz und Steuerzentrale unserer Aggression. Beides gründet in dem uns innewohnenden Bedürfnis, mit unserer Umwelt aktiv in Kontakt zu sein, in ihr zu leben und zu überleben.

Das Wort Aggression basiert auf dem lateinischen »gressio« (Schreiten, Schritt, Gehen) und der Vorsilbe »ad« (heran) und bedeutet „heran-schreiten“. Es meint ein intentionales Verhalten, Auf-etwas-Zugehen, Auf-etwas-Zugreifen und ist im Ursprung ein Impuls, ein Drang, unsere eigene Aktivität. Daran ist bis hierher nichts, rein gar nichts problematisch! Um Aggression negativ zu besetzen, brauchen wir die Idee und die leidvolle Erfahrung, dass das aggressive Zu-Greifen nach etwas greift, was besser nicht ergriffen werden sollte – es braucht die Angst, dass das Ergriffene – oder auch der „Ergreifende“ selbst – dadurch Schaden nimmt, leidet oder zerstört wird. Und solche Erfahrungen machen wir leider fast alle. Schon ein paar „erwachsene Wutausbrüche“ können ein Kind davon überzeugen, dass nicht nur die Art und Weise, wie die Umgebung Wut ausdrückt, gefährlich ist, sondern dass sogar der Ursprung von Wut, ein natürlicher aggressiver Impuls, bedrohlich und „falsch“ ist – und dass ebenso die instinktive aggressive Gegenreaktion des Kindes lebensgefährlich ist, da sie die primären Beziehungen zu den Eltern zu gefährden droht.

Das Spektrum der gestauten Aggressionen

Wut – Frustration – Ärgernis – Empörung – Ärger – Trotz – Groll – Zorn – Hass – Selbsthass – Gewalt – Grausamkeit. All das sind Spielarten unterschiedlicher Temperaturen, Tempi und Bewegungsrichtungen von Aggression, die entstehen, wenn Aggressionen zurückgedrängt, gestaut und unterdrückt wurden und werden. Selbst Ohnmacht und Depression resultieren oftmals aus diesem Zurückhalten von Aggressionen. So prägen unsere kindlichen Ohnmachts-Erfahrungen im Angesicht erwachsener Aktions- und Reaktionsmuster von Wut zutiefst unsere Vorbehalte gegenüber dieser Kraft und drängen sie weit zurück – oder die gestaute Energie bricht sich wieder ähnlich Bahn, wie wir es bei den eigenen Eltern oder Bezugspersonen vorgelebt bekommen haben.

Aus diesen Erfahrungen heraus passiert es leicht, dass wir „Aggression“ per se und also auch angemessene Regungen problematisch finden und ablehnen. „Aggression an sich“, also jedes Auf-etwas-Zugehen als negativ zu besetzen, produziert jedoch ein tragisches und unentrinnbares Dilemma, nämlich, dass das bloße verkörperte Existieren von Menschen bereits in sich ein Problem darstellt! Denn wir können unsere sozialen Interaktionen mit anderen Körpern/ Menschen gar nicht so steril halten, so künstlich einschränken, friedlich und harmlos machen, dass wir alle aggressiven Momente entfernen können… Ein Leben ohne echten Kontakt ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen.

Viele Ansätze, die wir in Büchern und Ratgebern zum Thema finden, gründen auf dem Modell, dass es eines „normalen, gesunden, funktionstüchtigen Ichs oder Selbsts“ des Menschen bedarf, um Herr all dieser problematischen Regungen zu werden. Dieses Ich, Ballungszentrum unseres Seins, wird nun also von Gefühlen heimgesucht – dem Ich widerfährt die Wut, die aus der Tiefe des eigenen oder eines fremden Organismus aufsteigt, und unser mehr oder weniger integriertes Ich-Gefühl bedroht, ins Schwanken bringt und allerlei Gefahren aussetzt (zum Beispiel, die Kontrolle zu verlieren).

Die Wut und das Ich

Wut in diesem Sinne wird empfunden und beschrieben als ein wildes, verselbstständigtes wüstes Tier, das von außen oder von innen in unser Revier eindringt, das uns stört, bedroht und uns fremd ist. Da ist ein Tier, ein „Anderes“ – und unser Ich ist all das nicht. Das Ich sollte aber damit umgehen lernen und diese Regungen unter Kontrolle bringen. Wir konstruieren eine Diskrepanz zwischen uns selbst und unserer Wut – schließlich erleben wir das so – und diese Diskrepanz füttert die Fremdheit, den Schrecken, die Ohnmacht und die Angst, die wir gegenüber unseren Aggressionen empfinden – und das umso stärker, je mehr wir in die Wut einfach hineinfallen, „blind vor Wut“ und „außer uns vor Wut“ sein können. „Das war nicht ich…“ werden wir später dazu sagen, uns schämen und schuldig fühlen.

So verfallen wir leicht dem Eindruck, das Problem der Wut käme tatsächlich von außen auf uns zu, selbst wenn es in und aus uns selbst nach oben steigt und an die Oberfläche drängt. Darüber hinaus glauben wir daran, unsere Welt sei glücklicher und friedlicher, wenn es uns gelänge, die wilden Tiere aus unseren inneren und äußeren Räumen zu jagen.

Dass dieser Haltung eine tiefe Furcht vor dem Leben und der eigenen körperlichen Lebendigkeit innewohnt, fällt uns nicht mehr auf. Und doch sprechen unsere Bemühungen Bände: Wir sind eingeklemmt in unseren eigenen Impulsen, wir fühlen uns von unseren eigenen Kräften an die Wand gedrückt und appellieren an „Achtsamkeit“, „bewussten Umgang“, „Reife“ oder wenigstens an soziales Gespür. Nun hat die Neurobiologie diese wohlmeinenden Ansätze längst widerlegt: Achtsamkeit, unsere berühmte Präsenz, all diese verständlichen Bemühungen reichen bei weitem nicht bis zu unserem Stammhirn, das Aggression wie Rückzug, unser körperliches Ja und körperliches Nein beherbergt und steuert. Das Stammhirn entzieht sich dem direkten Zugriff unseres Verstandes und unserer Wünsche nach Harmonie. Dem globalen und individuellen Dilemma der Aggression mit guten Vorsätzen, Einsicht und Disziplin beizukommen, ist folglich schlicht unmöglich. Eine sachliche Analyse unserer individuellen, sozialen, kollektiven oder spirituellen Geschichte reicht nicht bis in diese archaischen Räume – und unsere Flucht ins „Erwachen“ und spirituelle Welten ebenso wenig.

Im Sinne eines integrierten körperlichen Umgangs mit Wut möchte ich dazu einladen, das Ziel, ein intaktes Ich oder Selbst aufzubauen, für den Moment beiseite zu lassen. Weiter unten werden wir aus einer anderen Perspektive wieder darauf zurückkommen und verstehen, dass im Zuge der Integration dieser Lebenskraft, die der Wut innewohnt, das zentrierte und zentrierende Ich ad acta gelegt werden kann und wir einfacher und leichter ohne es in unserem menschlichen und freien Sein ankommen.

Wut als Instinkt

Ich nenne Wut bewusst eine Regung und nicht ein Gefühl. Denn der Ansatz, den ich vorschlage, beginnt, wie gesagt, nicht beim fühlenden Ich, sondern bei der körperlichen Regung der Aggression selbst – mit ihrem augenblicklichen im Körper erlebbaren „Nein!“ oder „Nicht so!“ und mit dieser großen Bestimmtheit, die auch Basis für Lebenslust, Handlung und Anteilnahme ist. Sie taucht als Aussage des bejahenden Da-Seins in der Welt auf, teilt sich mit und gibt sich hinein in den Strom aller Energien. Ein Mensch, der seine Ich- Ebene verlässt, um sich den körperlichen Instinkten, den basalen Regungen der Aggression und Liebe, der Grenze und der Verschmelzung hinzugeben, wird nicht an seiner Präsenz arbeiten müssen, braucht keine Praxis der Achtsamkeit und keine Kontrolle seiner Impulse – er wird sich schließlich wiederfinden als präsent, denn das ist seine Natur. Er wird ganz einfach integriert SEIN, er wird integriertes SEIN sein.

Wenn das Ich selbst nichts tut, wirklich NICHTS tut, was macht unser Organismus dann, wenn wir Angriffssituationen erleben? Die Antwort ist simpel: Er zeigt auf direkte und einfache Weise die in unserem autonomen Nervensystem, in unseren Instinkten angelegten Verteidigungsreaktionen. Ganz so, wie wir blinzeln, wenn eine Mücke sich anschickt, uns ins Auge zu fliegen, oder wir einen Arm hochnehmen, wenn wir im Dunkeln durch dichtes Gebüsch gehen…

Quelle und weiter: https://www.sein.de/Tiger-Wut

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